Streit ums Gendern: Nein, die deutsche Sprache diskriminiert Frauen nicht

Voraussichtliche Lesedauer des Artikels: 16 Minuten

Letzte Änderung des Artikels am 23. Juli 2022 von Aranita

Dieser Artikel stammt aus der Berliner Zeitung. Autor ist Tobias Kurfer.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung sowie unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Bevorzugt unsere Sprache Männer? Befürworter des Genderns verweisen auf Studien, die das zeigen sollen. Wissenschaftler weisen diese These zurück. Eine Analyse.

Bei einem Wort wie Bürger würden wir „eher an Männer denken“. Studien hätten das belegt. Wer die Debatte um das Gendern der Sprache verfolgt, hat Aussagen wie diese wahrscheinlich oft gehört. Bislang weniger bekannt ist, dass Sprachwissenschaftler und Germanisten diese These als unhaltbar zurückweisen.

An den besagten Studien kritisieren sie gravierende wissenschaftliche Mängel; die Interpretation der Ergebnisse betrachten sie als falsch und irreführend. Was also geht uns beim Lesen und Hören wirklich durch den Kopf?

Um die Aussagekraft und Relevanz der Studien beurteilen zu können, ist es sinnvoll, sich zunächst eine empirische Tatsache vor Augen führen. Wörter wie Bürger, Lehrer, Freunde oder Demonstranten werden von den meisten Menschen als Bezeichnungen für Frauen und Männer benutzt und korrekt geschlechtsneutral verstanden. Gäbe es Verständnisprobleme (wie manche Genderbefürworter behaupten), wäre das längst aufgefallen: Wir müssten uns dauernd erklären, ständig nachfragen.

Lässt das generische Maskulinum an Männer denken?

Unter den meisten Sprachwissenschaftlern ist diese Tatsache auch anerkannt: Das generische Maskulinum werde von den Menschen ganz selbstverständlich verwendet und verstanden, sagt die Linguistin Ewa Trutkowski in der Berliner Zeitung. Dieselbe Position vertreten beispielsweise Heide Wegener und Peter Eisenberg. Und der Linguist Nikolaus Lohse schrieb jüngst: Die Unterscheidung zwischen der neutralen generischen und der spezifisch männlichen Lesart eines Wortes wie Lehrer mache im aktiven Sprachgebrauch „überhaupt keine Probleme“.

Dass dem so ist, wenigsten im alltäglichen Sprachgebrauch, bestätigt eine Studie von 2012 (De Backer, De Cuypere): In gängigen Zeitungssätzen wurden Pluralformen wie Schüler, Mieter, Leser etc. von den Probanden zu 99 Prozent geschlechtsneutral interpretiert. Berufsbezeichnungen wie Ärzte, Apotheker, Politiker usw. zu 94 Prozent. Der empirische Sachverhalt ist eindeutig.

Kommen wir zur Behauptung, wir würden bei den generischen Maskulina „eher an Männer denken“. Was damit gemeint ist, wird in den besagten Studien oft nicht eindeutig definiert. Man kann aber sagen, es geht im Grunde (fast) immer um Gedanken oder bestimmte Vorstellungen, die Wörter auslösen können: die berühmten „Bilder im Kopf“. Dass eine Fokussierung auf solche psychologischen Phänomene ziemlich fragwürdig ist, liegt eigentlich auf der Hand.

Denn zunächst einmal widerspricht es der Erfahrung, dass wir beim Hören oder Lesen von Texten bzw. Sätzen mit Personenbezeichnungen stets „Bilder im Kopf“ hätten, also Vorstellungen von den bezeichneten Personen. Es existieren auch keine wissenschaftlichen Belege für solche Effekte. Ob Texte Bilder im Kopf entstehen lassen, hängt, wie Profi-Schreiber wissen, unter anderem von der sprachlichen Gestaltung ab: Lebhafte Schilderungen und anschauliche Beschreibungen rufen leichter bildhafte Vorstellungen hervor als nüchtern berichtete Fakten und Sachinformationen.

Ferner gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass die Bilder im Kopf, wenn sie denn entstehen, stets konkret und ausdifferenziert sind. Wieder zeigt die Erfahrung etwas anderes: Unsere inneren Bilder sind oftmals ziemlich vage.

Was wir mit einem Wort verbinden, ist subjektiv

Oder wie konkret sind Ihre Vorstellungen der bezeichneten Personen bei folgenden Sätzen? „Berlin hat 3,6 Millionen Einwohner.“ „Die Steuerzahler werden wieder kräftig zur Kasse gebeten.“ „Bundesweit starben vergangenes Jahr 376 Fußgänger bei Verkehrsunfällen.“

Die Bilder im Kopf können aber nicht nur unspezifisch sein, sondern auch ziemlich divers. Lesen wir einen Satz wie „Die Zuschauer klatschten“, so denken die meisten von uns wohl eher an eine buntgemischte Menge. Das gilt mit Sicherheit auch bei: „Die Demonstranten hatten sich vor dem Reichstag versammelt.“

Gegen die Mehr-Männer-These spricht ein weiterer Punkt. „Wortassoziationen sind hochgradig subjektiv. Während der eine beim Wort Musiker an einen gemischten Chor denkt, fällt dem anderen ein männlicher Gitarrist ein“, sagt Ewa Trutkowski. Einen Eindruck davon, wie verschieden innere Bilder sein können, geben Debattenbeiträge: Mit dem Wort Ärzte assoziiere er „weiße Kittel“, schreibt über das Gendern Ingo Meyer, Redakteur der Berliner Zeitung. Beim Plural Lehrer denken sie „vor allem an Frauen“, berichten User auf Twitter. „Lehrer“ löse bei ihr gar keine spezifischen Vorstellungen von Personen aus, so eine Nutzerin des Meinungsforums der Welt. Sie verstehe das Wort als Berufsbezeichnung.

Fassen wir zusammen: Die Behauptung, die Personenbezeichnungen würden primär männliche Vorstellungen hervorrufen, ist offenbar so nicht haltbar. Die Bilder im Kopf können (sofern sie überhaupt ausgelöst werden) neutral, unbestimmt oder „buntgemischt“ sein. Zudem unterscheiden sie sich von Mensch zu Mensch bisweilen erheblich.

Die Vernachlässigung dieser individuellen Unterschiede ist nach Ansicht des Sprachwissenschaftlers Martin Neef eines der Hauptprobleme der Studien. Ein vielleicht noch gewichtigeres Manko: Die Tests vernachlässigen maßgebliche Faktoren bei der Entstehung von Assoziationen. Woran wir bei einem Wort denken, wie wir es verstehen, hängt, wie Sprachwissenschaftler betonen, von einer Vielzahl sprachlicher und außersprachlicher Einflussfaktoren ab.

Kontext macht klar, wie ein Wort gemeint ist

Kontext, Wortart, Numerus (Plural oder Singular), Syntax, relative Häufigkeit von Maskulina und Wortformen auf „-in“ im allgemeinen Sprachgebrauch sowie das Weltwissen sind laut Forschung nur einige der Faktoren, die mitbestimmen, was uns bei Wörtern durch den Kopf geht, wie der Linguist Franz Rainer dargelegt hat.

Besonders gewichtig ist nach Ansicht von Wissenschaftlern wie Rainer und Neef der Kontext, in dem ein Wort eingebettet ist, ein Satz steht. Ist in einem Bericht über ein Fußballspiel von den Zuschauern die Rede, so entstehen andere Vorstellungen vom Publikum als bei einem Artikel, der die Zuschauer in einem Zirkuszelt erwähnt. Und heißt es in der Zeitung, „Die Ukrainer sehnen sich nach Frieden“, so denkt (im Kontext des gegenwärtigen Krieges) mit Sicherheit niemand nur an Männer.

Doch in den Studien wird dieser Kontextfaktor übergangen oder sogar gezielt ausgeblendet: Die Forscher testen Wörter oder Sätze entweder kontextlos, oder sie untersuchen Wort-Assoziationen nur in einem einzigen Kontext, was aber Rückschlüsse auf andere Kontexte nicht zulässt, wie die genannten Beispiele hoffentlich verdeutlichen.

Rainer, Neef sowie der Germanist Florian Payr („Von Menschen und Mensch*innen“, Springer-Verlag) sehen darin ein besonders gravierendes Problem der Tests. Durch den Kontext werde im normalen Sprachgebrauch in aller Regel klar, ob die geschlechtsneutrale oder die männliche Lesart gemeint sei, sagt Rainer. Falls das einmal unklar sei, würden die Sprecher des Deutschen „spontan eine Doppelform“ nutzen.

Ein weiterer Faktor bei Wortassoziationen können laut Forschung Stereotype oder Rollenbilder sein. Doch auch ihr Einfluss wird in den meisten Experimenten nicht berücksichtigt, bemängelt etwa der Sprachphilosoph Philipp Hübl. Er zweifelt die Aussagekraft der Studien daher stark an.

Doch die Kritik beschränkt sich längst nicht auf die Vernachlässigung solcher Einflussfaktoren. Linguisten und Germanisten haben in den Studien eine bemerkenswerte Menge weiterer schwerwiegender wissenschaftlicher Mängel ausgemacht. Eine der gewichtigsten Unzulänglichkeiten kritisiert etwa der Linguist Martin Neef: Durch die Fragestellung werde „in vielen Tests die männliche Lesart aktiviert“. Mit anderen Worten: Die Tests führen in die Irre.

Zu diesem Ergebnis kam auch die Sprachwissenschaftlerin Gisela Zifonun, als sie sich eine besonders viel zitierte Studie ansah (Gygax et al., 2008). In einem weiteren Experiment (Heise, 2000) fand die Grammatik-Expertin nur einen einzigen generischen Gebrauch des Maskulinums in allen acht Testsätzen. Hinzu kommt, dass die Studien laut Zifonun Wörter (wie so oft) nur in einem spezifischen Kontext untersuchen. Zifonuns Resümee: „Tests dieser Art sagen nichts aus über eine generell mit dem generischen Maskulinum assoziierte mentale Sexus-Zuweisung (…)“ Heißt: Die Aussagekraft solcher Experimente ist im Grunde gleich null.

Wer ist Ihr Lieblingsmusiker? Die Frage ist irreführend

Dass das generische Maskulinum in den Studien verwendet wird, wo es unüblich ist, bemängelt in seinem Buch zum Thema auch der Germanist Tomas Kubelik („Genug gegendert!“, Projekte Verlag 2013). Erschwerend kommt hinzu, dass bisweilen nur der Singular („ein Lehrer“) untersucht wurde. Aber das bedarf vielleicht einer kurzen Erläuterung. Wenn wir im normalen Sprachgebrauch über eine einzelne konkrete Person, ein bestimmtes Individuum sprechen, sagen wir beispielsweise mein Nachbar oder meine Nachbarin, der Schüler oder die Schülerin usw. Oder andersherum: Niemand, der nicht täuschen möchte, sagt, er besuche seinen Nachbarn, wenn es sich um eine Frau handelt. (Das Beispiel stammt von Ewa Trutkowski.)

Wird über konkrete oder imaginierte Einzel-Personen geschrieben, ist es dasselbe. Die Nachrichtenagenturen melden: „Die Fußgängerin wurde schwer verletzt“ oder „Der Radfahrer kam in ein Krankenhaus“. Und im Roman heißt es vielleicht: „Ein Zuschauer sprang von seinem Sessel auf und stürzte aus dem Saal“. Tests der Art „Wer ist Ihr Lieblingsmusiker?“ (Stahlberg, Sczesny, 20002001) oder „Male einen Arzt“ (Durau, 2021) sind daher irreführend. Denn auch sie legen eine männliche Lesart nahe.

Doch auch wenn sie den Plural verwenden, sind solche Studien unbrauchbar. In einem Experiment sollten die Probanden unter anderem drei berühmte Politiker, Sportler und Sänger nennen (Stahlberg, Sczesny, 20002001). Es dürfte einleuchten, dass solche Tests weder etwas über etwaige Assoziationen bei der Lektüre einer Zeitung noch im Gespräch aussagen. Und rein gar nichts über das Verstehen der Wörter in Zeitungen oder im Gespräch.

Denn die Einbettung in einen Kontext (der hier fehlt) macht, wie wir wissen, im normalen Sprachgebrauch klar, was mit dem Wort gemeint ist. Geht es um Politiker ganz allgemein („Politiker sind auch nur Menschen“), um eine gemischtgeschlechtliche Gruppe von Politikern („598 Politiker sitzen im Bundestag“) oder um Politiker, deren Geschlecht unbekannt ist („Drei namentlich nicht genannte Politiker aus Union und SPD …“)? Oder geht es spezifisch um männliche Politiker? („Die beiden Politiker haben sich immer wieder die Treue bekundet“ – in einem Artikel über Gerhard Schröder und Wladimir Putin.) Doch selbst in nichtssagenden Experimenten solcher Art wurden nicht nur Männer, sondern lediglich mehr Männer genannt.

Die Mängelliste ist aber noch wesentlich länger. Der Germanist Florian Payr fand einen besonders großen Schwachpunkt in dem viel zitierten Test, den Gisela Zifonun kritisiert hat (Gygax et al., 2008).

In dieser Studie präsentierten Forscher den Probanden eine Reihe von Satzpaaren. Per Tastendruck sollten die Testpersonen entscheiden, ob der zweite Satz eine sinnvolle Fortsetzung des ersten darstelle. Das Problem laut Payr: Ein (Fortsetzungs-)Satz wie „Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Frauen keine Jacke“ kann so interpretiert werden, dass hier von einer ausschließlich weiblich besetzten Gruppe die Rede ist. „Dann wundern Sie sich natürlich, warum vorher von ‚Sozialarbeitern‘ die Rede war und nicht gleich von ‚Sozialarbeiterinnen‘“, so der Germanist.

Die Studien sind meist nicht einmal repräsentativ

Wenn also die Ergebnisse als „nicht sinnvoll“ oder nicht gleich als sinnvoll eingestuft werden, hat das schlicht mit dem Design der Studie zu tun, und nichts mit dem generischen Maskulinum. Dass Payr richtig liegt, zeigen Befunde aus einer Neuauflage der Studie (Körner et al., 2022). Dort bewerteten die Probanden fast ein Fünftel (18 Prozent) der Fortsetzungen als „nicht sinnvoll“, und zwar sogar dann, wenn nach einem generischen Maskulinum im zweiten Satz von „Männern“ die Rede war.

Dieses und noch ein weiteres relevantes Ergebnis der Studie thematisieren Studienautoren allerdings nicht: Die Probanden verstanden selbst in diesem irreleitenden Experiment generische Maskulina wie etwa Zuschauer, Künstler, Apotheker oder Kinderärzte in 71 Prozent der Fälle als geschlechtsneutral. So oft nämlich ergab eine weibliche Fortsetzung mit zum Beispiel „die Frauen“ für sie Sinn.

Es ließen sich weitere Punkte nennen, die an den psycholinguistischen Tests kritisiert wurden. Der Germanist Kubelik bemängelt in seinem Buch an verschiedenen Studien, dass das biologische Geschlecht überhaupt erst durch Nachfragen ins Bewusstsein der Probanden gehoben werde. Ein weiterer großer Schwachpunkt der Labor-Experimente: An fast allen Tests nahmen nur Studenten teil, bisweilen gerade mal 20 Probanden. Oft sind nicht einmal die Geschlechter korrekt repräsentiert: Teilweise lag der Frauenanteil unter den Probanden bei über 70 Prozent. Und in einem Fall, einem Experiment von 2012, waren es sogar 100 Prozent: 36 Studentinnen der Universität Bern.

Kurz: Die Ergebnisse aus den ohnehin fragwürdigen Studien, die mit dem üblichen Sprachgebrauch oft nichts zu tun haben, sind noch nicht einmal auf die Gesamtbevölkerung übertragbar. Die Linguistin Gisela Klann-Delius hat das in „Sprache und Geschlecht“ (Metzler-Verlag) problematisiert. Rainer und Neef kritisieren die verwendeten Stichproben ausdrücklich.

Falsch zusammengefasst, fragwürdig interpretiert

Bei dieser Fülle an wissenschaftlichen Mängeln kann man schon mit Kritikern wie Kubelik oder dem Soziologen Stefan Beher zu dem Eindruck gelangen, dass hier nicht unvoreingenommen geforscht wurde. Kubelik hält den Wissenschaftlern vor, sie würden bestimmte Beweise erbringen wollen, statt objektiv und ergebnisoffen zu forschen. Besonders eindrücklich zeigt der Germanist das an Fällen, in denen die Forschungsergebnisse von den Studienautoren stark verzerrt wiedergegeben oder gar falsch zusammengefasst werden. Fragwürdig interpretiert werden sie fast immer.

Ergebnisse, die nicht ins Bild vom frauenbenachteiligenden Maskulinum passen, ignorieren Studienautoren und Genderbefürworter immer wieder. Der erwähnte Test mit den Satzfortsetzungen ist nur ein Beispiel dafür. Franz Rainer hat noch etwas anderes festgestellt, das Anhänger der Gendersprache so gut wie nie erwähnen: Die Tendenz zur männlichen Lesart der untersuchten Wörter („male bias“) ist selbst in den Studien oft „überraschend gering“. Gebe man noch den Kontext dazu, meint Rainer, bleibe „von dem ‚bias‘ meistens nicht mehr allzu viel übrig“.

Entsprechend sind in den Studien auch die Effekte des Genderns nur äußert bescheiden, teils nicht einmal messbar. Doch auch das sparen Genderbefürworter gerne aus, wenn sie sich auf diese „Studien“ berufen. Ein paar Beispiele:

In einem Experiment mit Nachrichtentexten (Blake, Klimmt, 2008) sollten die Probanden den Frauenanteil bei einer Demonstration schätzen. War von „Demonstrantinnen und Demonstranten“ die Rede, lag der angenommene Frauenanteil um nur rund drei Prozent höher als in der Version mit generischem Maskulinum. Bei einem weiteren Text („Ärztinnen und Ärzte“ vs. „Ärzte“) hatte das Gendern „keinen signifikanten Einfluss“. Die Befunde konnten nicht einmal „gegen den Zufall abgesichert“ werden.

Bei dem Test mit den bekannten Politikern, Sportlern, Sängern usw. (Stahlberg, Sczesny, 20002001) waren die Gendereffekte genauso dürftig. Die Probanden sollten insgesamt zwölf Prominente nennen. War die Aufgabe mit generischem Maskulinum formuliert, nannten sie im Mittel 2,4 Frauen. Beim Gendern mit Doppelnennung lagen die Werte gerade mal 0,3 Punkte höher, bei 2,7 Frauen.

In einer weiteren Studie führt die „geschlechtergerechte Sprache“ nur dann zu Nennung von mehr Frauen, wenn Frauen in einer Kategorie (wie einer politischen Partei) in „angemessener oder relevanter Häufigkeit vertreten waren“ (ebenfalls in Stahlberg, Sczesny, 20002001).

Einmal absolut winzig und einmal „statistisch nicht signifikant“ (heißt: die Werte lagen unterhalb der Zufallsschwelle) waren die Effekte von Doppelformen („Ingenieurin oder Ingenieur“ usw.) in einem Test mit Schulkindern (Vervecken, Hannover, 2015): Auf einer Skala von 1 bis 5 lagen die Werte gerade mal um 0,07 bis 0,26 höher als bei Verwendung von generischem Maskulinum.

Noch bescheidenere Resultate maßen Forscher in einer Studie mit Fernsehmoderationen (Jöckel et al., 2021). Getestet wurden unter anderem Beidnennungen und „neutrale Formen“, wie „die Polizei“. Das Gendern hatte (abgesehen von statistisch irrelevanten Abweichungen in Höhe von 0,12, 0,78 bzw. 1,7 Punkten auf einer Skala von 1 bis 21) bei den erwachsenen Versuchspersonen keinen Effekt. Heißt: Es spielte für die Getesteten keine Rolle, ob der Moderator von Polizisten, Polizistinnen und Polizisten oder von der Polizei sprach.

Wörter mit Sprechpausen werden für weibliche Form gehalten

Einzig die Gender-Sprechpause vor dem „innen“ führte zu einer etwas häufigeren Nennung von Frauen. Der Befund mag auf den ersten Blick überraschen, da diese Genderform von vielen Menschen besonders stark abgelehnt wird. Der wahrscheinlichste Grund für den – nicht sehr großen – Effekt findet sich in Rohdaten der Studie, die einer der Forscher freundlicherweise zur Verfügung stellte: Offenbar hatte eine erhebliche Zahl an Probanden die Wörter mit Sprechpause für eine weibliche Form gehalten. Statt „Polizist:innen“ verstanden sie offenbar „Polizistinnen“. Laut den Daten interpretierten mindestens 17 Prozent „Polizist:innen“ als rein weibliche Form, bei „Schüler:innen“ waren es zehn Prozent, bei „Pfleger:innen“ sieben Prozent.

Weitere Fälle winziger oder gar nicht messbarer Gendereffekte in Studien nennt der Germanist Tomas Kubelik in seinem Buch. Wie er zeigt, führte in manchen Tests das Gendern teils sogar zu einem mentalen Männerüberschuss (Kusterle, 2011Klein, 2004).

Manch einer mag nun vielleicht einwenden, das Gendern hätte laut den Studien also wenigsten in einzelnen Fällen einen Effekt, wenn auch einen sehr kleinen. Doch das übersieht, welche Mängel die Studien schon bei der Fragestellung aufweisen. Etwa, indem sie die männliche Interpretation der Wörter von vornherein nahelegen. Über das generische Maskulinum im normalen Sprachgebrauch sagen solche Tests, wie schon dargelegt, ohnehin nichts aus.

Das ist schon fast alles, was man über die Aussagekraft und Relevanz der sogenannten Assoziationstests und ihre Deutung durch Genderbefürworter wissen muss. Außer vielleicht noch dies: Es handelt sich bei der gesamten Forschung zum Thema um lediglich eine Handvoll Untersuchungen, die wieder und wieder zitiert werden. Getestet wurden oft nur fünf, zehn oder zwölf Wörter; im Fall der TV-Moderationen waren es sogar nur drei Wörter.

Damit sollte eigentlich klar sein, dass eine Hauptthese zur Gendersprache nichts weiter ist als eine Behauptung. Es gibt schlichtweg keine wissenschaftlichen Belege, dass „wir beim generischen Maskulinum eher an Männer denken“ (und auch nicht, dass sich „die meisten beim generischen Maskulinum vor allem Männer vorstellen“). Nein, es gibt bloß eine sehr überschaubare Anzahl von Tests, die fast alle mit Studenten durchgeführt wurden und ein paar Maskulina in einem oder wenigen Kontexten untersuchten.

Eine letzte Studie sei hier noch erwähnt. Der Test von 2015 (Vervecken, Hannover) soll belegt haben, dass Gendern zu mehr Gerechtigkeit unter den Geschlechtern beitragen könne. In der Studie hätten sich Kinder „viel eher“ zugetraut, einen typischen Männerberuf wie Ingenieur zu ergreifen, wenn sie Doppelnennungen („Ingenieurinnen und Ingenieure“) statt des generischen Maskulinums hörten. So steht es u. a. in einer Pressemitteilung der Freien Universität Berlin.

Bei der Berufswahl spielen ganz andere Faktoren eine Rolle

Diese Darstellung ist bemerkenswert. Denn in Wahrheit waren die Effekte der Benennungen, wie oben dargelegt, mal absolut winzig, mal statistisch gesehen nicht vorhanden. Zur Erinnerung: Die Werte lagen auf einer Skala von 1 bis 5 gerade mal um 0,07 bis 0,26 höher als beim generischen Maskulinum.

Das wurde getestet: In einem ersten Experiment sollten die Kinder das Einkommen in verschiedenen Berufen schätzen (1 = sehr wenig, 5 = sehr viel). Geringere Wert interpretierten die Studienautoren dann als eine höhere „Zugänglichkeit“ zum Beruf. In einem zweiten Experiment gaben die Kinder auf einer Skala von 1 bis 5 an, wie zuversichtlich sie sind, als Erwachsene eine Qualifikationsprüfung für einen Beruf wie z.B. Ingenieur oder Maurer zu bestehen.

Bemerkenswert ist neben den winzigen – oder gar nicht vorhandenen – Gendereffekten die Wahl einiger Berufsbezeichnungen. Begriffe wie „Feuerwehrmänner“ oder „Geschäftsmänner“ sind stark sexusmarkiert und keine generischen Maskulina. Das ist nicht nur wissenschaftlich unseriös bei einer Studie, die vorgibt, das generische Maskulinum untersucht zu haben. Wenn man der Logik des Tests folgt, ist es auch psychologisch relevant. Denn dass kleine Mädchen Probleme haben dürften, sich als „Feuerwehrmänner“ oder „Geschäftsmänner“ zu sehen, ist zu erwarten. Berücksichtigt man dies, fallen die gemessenen winzigen Effekte natürlich noch geringer aus.

Genderbefürworter zitieren die Studie üblicherweise so, als sei mit ihr etwas bewiesen. Dabei übersehen sie aber nicht nur die verschwindend geringen Effekte in einem einzelnen, nicht wiederholten Laborexperiment mit zweifelhaften Fragestellungen und zum Teil inadäquaten Begriffen. Sie übersehen vor allem die eigentlich relevanten Größen. Welche Faktoren bei der Berufswahl eine Rolle spielen, ist aus der Sozialforschung bekannt: Sozialer Hintergrund, Schulabschluss, Arbeitsplatzsicherheit, Verdienstaussichten, Talente, Neigungen und Interessen, der Rat der Eltern und in bestimmten Fällen auch der Beruf eines Elternteils sind einige davon. Dass ein im Laborexperiment gemessener spontaner Spracheffekt auf ein angebliches „Sich-Zutrauen“ hier noch einen nennenswerten Faktor darstellt, erscheint  äußert unwahrscheinlich.

Wer diese Studie zitiert, geht üblicherweise darüber hinweg, dass die Studienautoren selbst genau diese und weitere Einschränkungen machen: Faktoren wie sozioökonomischer Hintergrund, Interesse und Intelligenz dürften nicht außer Acht gelassen werden, wenn man versuche, Berufswahlentscheidungen zu verstehen, schreiben sie. Und auch berufliche Interessen dürfe man nicht vernachlässigen. Nötig seien Wiederholungen des Tests, Langzeitstudien (sogenannte Längsschnittstudien) und so weiter.

Die Mehrheit der jungen Anwälte in Deutschland sind Frauen

Dass sich Frauen nicht davon abhalten lassen, einen Berufsweg einzuschlagen, weil generische Maskulina im allgemeinen Sprachgebrauch und in den Medien gängig sind, zeigen indes die wirklich belastbaren Daten. Von der Grundschule bis zum Gymnasium dominieren Frauen in allen Schulformen mit insgesamt 73,4 Prozent den Lehrerberuf. Etwa 70 Prozent der Medizinstudenten sind weiblich, 72 Prozent der Apotheker in Deutschland sind Frauen und ebenso die Mehrheit der junge Anwälte bei ihrer Erstzulassung.

Wie häufig generische Maskulina übrigens generell in den Medien verwendet werden, zeigt eine Auswertung des Rechtschreibrates von 2021: Auf mehr als zwei Millionen generische Maskulina kamen 15.000 Genderformen. Genderquote: 0,7 Prozent. Die immer wieder zitierten Studien liefern keinen Grund, daran etwas zu ändern.

Beitrag auf sozialen Netzwerken teilen:


Kategorien:Alle Artikel, Gender

Schlagwörter:, ,

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: