Sebastian Frankenberger: Gefährlich oder naiv?

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Sebastian Frankenberger hat in vielen Gaststätten in Bayern Locakverbot

Seit Sebastian Frankenberger in Bayern das totale Rauchverbot in der Gastronomie durchgepeitscht hat, boomen sogenannte „Geschlossene Gesellschaften“, sind sie doch die einzig legale Möglichkeit, zum Bier oder nach dem Essen in den Räumlichkeiten der Gastronomie zu rauchen.

So fand kürzlich wieder eine geschlossene Gesellschaft statt (organisiert von Fairness für Raucher im Schwabinger Lokal Grünes Eck), mit einer Lesung aus dem Buch des Bosses der Konservativ-christlichen Splitterpartei ÖDP, Sebastian Frankenberger. Der Titel des Buches lautet: „Volk, entscheide!“, im Untertitel steht: „Visionen eines christlichen Polit-Rebells“.

Schon beim Erscheinen des Buches 2011 hagelte es Kritik. Die Frankfurter Allgemeine schrieb:

Der ÖDP-Vorsitzende hat ein unerhört geschwätziges Buch abgeliefert, dessen Wert allein darin liegt, dass es zahlreiche Medienberichte über Sebastian Frankenberger tatsächlich Lügen straft. So selbstgefällig spätpubertär, wie er sich unfreiwillig selbst darstellt, hat ihn noch kein Journalist porträtiert.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb:

Beim Lesen entsteht jedenfalls der Eindruck, dass sich Frankenberger seit seinem siegreichen Anti-Nikotin-Feldzug für einen Berufenen hält: „Es gibt die, die mich als absolut genial empfinden, und die, die mich rundweg ablehnen“, schreibt er, wobei seine Selbsteinschätzung doch stark zur Genialität tendiert.

Ich wollte damals dieses Buch nicht kaufen um nicht die Verkaufzahlen hochzutreiben und habe es auch fast wieder vergessen, bis eben zu dieser Lesung. Da mich andere Menschen immer interessieren, habe ich nun nach einer antiquarischen Ausgabe von Frankenbergers Buch gesucht und wurde für 4 Euro fündig. Das war es mir dann wert, um mir selbst ein Bild zu machen.

Den Titel bezeichne ich als „Irreführung“. Denn zum Thema „Volk, entscheide!“ findet man erst auf den letzten Seiten ein paar Ansätze. Der Rest ist nichts weiter als die Aufarbeitung von dem, was Frankenberger so durch den Kopf geht, aufgehängt an einer Woche, die Frankenberger als Eremit in der Turmstube des Linzer Doms verbrachte. Nun ja, ganz richtig ist das allerdings nicht. Zweimal unterbrach Frankenberger sein Eremitendasein, um Interviews zu geben. Einmal für ein Interview einer österreichischen Zeitung, einmal für ein Interview beim Morgenmagazin in Berlin, wo der konservative Öko-Politiker von Linz aus sowohl hin als auch zurück mit dem Flugzeug flog. Sollen sich doch andere um CO2-Probleme kümmern, Frankenberger benutzt das Flugzeug.

Einer der Hauptgründe dafür, dass Frankenberger das Volksbegehren gegen freie Entscheidung und Selbstbestimmung und für Arbeitsplatzvernichtung und Enteignung gewonnen hat, war ein Lügenwahlkampf, wie ich ihn bisher von keinem anderen Politiker erlebt hatte. Und ich habe viele Wahlkämpfe in den letzten Jahren bewusst erlebt. So behauptete Frankenberger immer wieder, wenn man nicht für sein Volksbegehren unterschreiben würde, würde „fast überall wieder geraucht“ werden. Er wusste natürlich genau, dass es bei einer Ablehnung seines Volksbegehrens beim Status Quo bleiben würde, einem ziemlich strengen Rauchverbot in Bayerns Gastronomie, wo es lediglich den Wirten von kleinen Kneipen erlaubt war, selbst darüber zu entscheiden ob in ihrem Lokal geraucht wird oder nicht und wo Wirte geschlossene Nebenräume als Raum mit Raucherlaubnis ausweisen konnten.

Eine weitere Lüge war die Behauptung, dass in fast jedem Land ein Rauchverbot, wie Frankenberger es für Bayern durchgesetzt hatte, installiert wäre und funktionieren würde. Frankenberger weiß ganz genau, dass es zum Zeitpunkt des Volksbegehrens lediglich zwei Länder mit totalem Rauchverbot in der Gastronomie gab: Frankreich und Großbritannien. Alle anderen Länder hatten damals mehr oder weniger starke Ausnahmeregelungen, ähnlich wie es sie auch in Bayern vor dem totalen Rauchverbot in der Gastronomie gab. Sogar im immer wieder von Frankenberger erwähnten Italien oder Irland gibt es Ausnahmen vom totalen Rauchverbot in der Gastronomie. Und tatsächlich findet man in seinem Buch bereits auf Seite 13 folgende Lüge: „Es funktionierte doch nahezu überall auf der Welt, dass nicht geraucht wird“.

Frankenberger, der sich immer gern als Vorbild sieht, beschreibt auf Seite 19 eine seiner für ihn und Unbeteiligte äußerst gefährlichen Angewohnheiten beim Autofahren. Ob er noch seinen schwarzen Toyota-Van mit dem Nummernschild PA-OB 2020, mit dem er signalisieren wollte, dass er 2020 der Oberbürgermeister von Passau sein wird, fährt wie zu Zeiten des Volksbegehrens, ist mir nicht bekannt. Aber nun zu seiner Fahrtbeschreibung:

Ich spüre plötzlich, dass ich doch ziemlich erschöpft bin, und muss aufpassen, dass ich nicht in den Sekundenschlaf falle. Zum Glück hatte ich trotz vieler nächtlicher Fahrten noch nie einen Sekundenschlaf. Jetzt versuche ich es mit den üblichen Tricks: das Fenster öffnen und laut singen.

Diese Methode, den Sekundenschlaf zu besiegen, ist wissenschaftlich etwa so fundiert wie die Behauptung, es gäbe fast überall auf der Welt totale Rauchverbote in der Gastronomie. Zwar schreibt Frankenberger später, er hätte später an einer „Busbucht pausiert“. Vielleicht sollte sich Frankenberger einmal die Straßenverkehrsordnung durchlesen. Nach dieser ist das Parken an Bushaltestellen nämlich verboten.

Aber mit den Gesetzen nimmt es Frankenberger offensichtlich nicht all zu genau. So berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass Frankenberger sakrale Bilder unterschlagen haben soll. Der Passauer Geschäftsmann Max Öller beschuldigte den ÖDP-Boss, mehrere Bilder unterschlagen zu haben, die Öller der Kirchengemeinde geschenkt hatte. Frankenberger behauptet, er hätte den Pfarrer gefragt, ob er sich die Bilder „ausleihen“ dürfe. Öller entgegnete, der Pfarrer wisse nichts davon. Mittlerweile hat Frankenberger die Bilder zurückgegeben, geklärt ist die Sache aber augenscheinlich nicht.

Der Rest des Buches handelt von Frankenbergers Auseinandersetzung  mit dem Christentum, von biblischen Gleichnissen, dass er gerne in Büchern herumkritzelt, dass er ein Jesus-Musical schreiben will und das Wichtigste: Mehrere Absätze widmet er seinen langen Haaren. Hier versteht Frankenberger keinen Spaß. Wenn es um seine Haare geht schlägt er schon mal zu:

Zum einen passen die langen Haare gut zu mir als Stadtführer, zum anderen finde ich, dass mir lange Haare einfach gut stehen. Ich habe als Jugendlicher immer Angst gehabt, dass man mir im Schullandheim oder Skilager die Haare abschneiden könnte – wie halt solche Scherze sind. Einmal hat es jemand versucht. Er hat ein ziemlich blaues Auge davongetragen. Bei meinen Haaren verstehe ich keinen Spaß. Wie bei Samson: Die ganze Kraft kommt aus den Haaren.

Ich habe selten ein schlechteres Buch gelesen, habe selten ein derartiges „Thema verfehlt“ erlebt was Titel und Inhalt des Buches betrifft und bin mir nur über eines noch nicht ganz im Klaren: Ist Frankenberger nun ein gefährlicher Populist oder ist er einfach nur unglaublich naiv.

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