Weber (CSU) fordert Klarnamen-Pflicht im Netz

Voraussichtliche Lesedauer des Artikels: 2 Minuten
Wenn es nach der CSU geht, gibt es keine Anonymität im Netz mehr

Der Streit um Klarnamen im Netz ist so alt wie die Vernetzung selbst. Jetzt heizt Manfred Weber (CSU), der Spitzenkandidat der Europäischen Konservativen, die Diskussion erneut an.

Er tat dies während einer Diskussion im ZDF mit seinem Kontrahenten Frans Timmermans. Dort forderte Weber, dass in sozialen Netzwerken verpflichtend Klarnamen verwendet werden müssten – Pseudonyme oder Spitznamen sollten verboten werden.

Spannend an dem Thema ist die Tatsache, dass eine Forderung zur Klarnamenpflicht nicht auf der Webseite der Europäischen Volkspartei (EVP) zu finden ist. Hat sich Weber vielleicht „verplappert“? Oder ist das nur seine Privatmeinung?

Als Argument für eine Klarnamenpflicht dient unter anderem die Angst vor Terroristen. Offensichtlich ist man der Meinung, dass bei einer Klarnamenpflicht jeder Terrorist ab sofort nur noch unter seinem richtigen Namen schreibt und am besten noch seinen Aufenthaltsort und seine Passnummer bekannt gibt.

Ein weiterer Punkt ist die Behauptung, sogenannte „Hatespeech“ würde unter Pseudonymen häufiger statt finden. Diese Behauptung wurde allerdings von Wissenschaftlern der Universität Zürich widerlegt. Katja Rost, Lea Stahel und Bruno S. Frey haben in der Studie „Digital Social Norm Enforcement: Online Firestorms in Social Media“ den Zusammenhang von Anonymität, Klarnamen und Online-Aggression im Internet untersucht. Im Ergebnis fanden die Wissenschaftler folgendes heraus: Etwa 20 Prozent aller Kommentare enthielten mindestens eine Aggression. Und Benutzer mit Klarnamen schrieben häufiger Kommentare mit Aggressionen.

Als Grund nahmen die Autoren der Studie an, dass die nicht-anonymen User selten Konsequenzen wegen der Hasskommentare fürchteten und sich andererseits eine höhere Glaubwürdigkeit versprachen, wenn sie ihre Aggression mit Klarnamen kommunizierten.

Gegen eine Klarnamenpflicht spricht vor allem die Sammelwut von Behörden und privaten Unternehmen. Und wer jetzt denkt, er habe ja nichts angestellt und deshalb auch nichts zu befürchten, dem sei die Erfahrung eines Kutschers aus Regensburg ans Herz gelegt. Der Mann wollte seine Kinder in Großbritannien besuchen und wurde als vermeintlicher Drogenschmuggler festgenommen, weil die Briten offensichtlich seine E-Mails gelesen und falsche Schlüsse aus den Mails gezogen hatten. Die ganze Geschichte wurde bei Regensburg Digital berichtet.

Bei einem anderen Fall wurde jemand bei der Einreise in die Türkei verhaftet, weil er angeblich den türkischen Präsidenten Erdogan auf Facebook beleidigt haben soll. Mir selbst erging es so, dass ich nächtelangen Telefonterror von militanten Ideologen über mich ergehen lassen musste – die Telefonnummer hatte er vom Impressum meiner Webseite.

Ich kenne durchaus auch die andere Seite. Militante Hetzer setzten Verleumdungen, Beleidigungen und falsche Tatsachenbehauptungen über mich ins Netz – alles unter einem Pseudonym. Trotzdem bin ich gegen eine Klarnamenpflicht. Denn Menschen, an denen mir etwas liegt lassen sich nicht vom Hass militanter Spinner beeindrucken. Und diejenigen, die den Müll unbesehen glauben ohne die Betreffenden dazu zu fragen, fallen nicht in die Kategorie der Menschen, mit denen ich zu tun haben will.

Sind wir also gespannt, wie Manfred Weber und die EVP nach der Wahl das Thema „Klarnamenpflicht“ angehen.

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