Die Sache mit der „Bild“-Zeitung

Voraussichtliche Lesedauer des Artikels: 3 Minuten
Die „Bild“-Zeitung – Mehr als reißerische Überschriften?

Mein Verhältnis zur „Bild„-Zeitung war bisher keines. Als jemand, der in einer Zeit aufgewachsen ist, wo Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gelesen wurde oder wo ich Walraffs „Der Aufmacher: der Mann, der bei Bild Hans Esser war“ verschlungen habe – da hatte die „Bild“ keinen Platz. Nicht nur das. „Bild“-Leser waren bei uns die typischen Mitläufer, die unfähig waren, selbst zu denken und die auf reißerische Bilder standen.

Ja, ich habe die „Bild“ nicht gelesen, mir haben die schreienden Überschriften beim Vorbeigehen in den Zeitungskästen schon gereicht und außerdem war ich ja ganz arg links und die „Bild“ war das Propagandamedium für Strauß, die CSU und später für Kohl.

Heute lese ich jeden Morgen diverse Magazine, Zeitungen und Blogs und versuche mir, eine eigene Meinung zu bilden, was schwer genug ist. Google zum Beispiel blendet in seiner „News“-Übersicht bestimmte Medien aus. Ich kann diese Medien auch nicht für mich hinzufügen. Dafür bekomme ich Medien vorgesetzt, die ich nicht abwählen kann. Und obwohl ich Vielfalt wesentlich besser als Einfalt empfinde, manche Medien haben im Laufe der Jahre bewiesen, dass sie Propaganda statt Fakten bringen. Und diese Medien möchte ich in einer Übersicht nicht an prominenter Stelle haben.

Ich erinnere mich an die News-Übersichtsseite „Paperball“, die vor vielen Jahren ein Vorläufer der Google News-Seite war. Dort konnte ich definieren, welche Medien ich angezeigt bekommen wollte und in welcher Reihenfolge ich die Medien konsumiere. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war das früher auch bei Google auch möglich.

In den letzten Wochen ist mir beim Lesen diverser Medien aufgefallen, dass die „Bild“ immer häufiger Artikel bringt, die Kritik an der Regierung zum Inhalt haben. Berichte, die ein völlig anderes Bild zeigen als das die Tagesschau, das ZDF, der Tagesspiegel, das Neue Deutschland, der Spiegel oder ähnliche regierungsnahe Medien machen.

So wurde zum Beispiel das gestern ergangene Urteil des Verfassungsgerichtes, nach dem ARD und ZDF über demokratische Entscheidungen gestellt werden und somit auch faktisch zu einem Staatsfunk wurden, massiv kritisiert. Wörtlich schrieb die Bild: „Die Verfassungsrichter haben ein gefährliches Vakuum geschaffen: den außer staatliche Kontrolle geratenen Staatsfunk.“

Auch die Corona-Politik der Bundesregierung wird mittlerweile von der „Bild“ kritisiert. Im Artikel wird ein Polizist mit den Worten „Ich bin nicht Polizist geworden, um Leute zu bespitzeln“ zitiert. Auch die Schleierfahndung, 30 Kilometer innerhalb Deutschlands Grenzen um in ihr Heimatland zurückkehrende Urlauber zu entdecken, die vielleicht keine Zwangstestung vorgenommen haben, wird von der Zeitung kritisch erwähnt.

Ist die „Bild“ also die neue Opposition? So weit gehe ich allerdings nicht. Viele Überschriften und Artikel sind nach wie vor reißerisch und übertrieben. Trotzdem ist es durchaus spannend, dass die Zeitung, die für mich vor Jahrzehnten all das verkörpert hat, was ich bei Medien abgelehnt habe, eine Aufgabe übernommen hat, die in den allermeisten deutschen Medien in den letzten Jahren verlorengegangen ist.

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