Bild-TV – Bereicherung oder Gefahr?

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Letzte Änderung des Artikels am 23. August 2021 von Aranita

Heute startete die Bild mit einem Fernsehsender. Und natürlich gingen die Emotionen durch die Decke. Bei Twitter trendete der Hashtag „#BildTV“. „Mistress Straßenbähn*in„, die sich selbst als „Extrem freiheitsliebend.Gegen jegliche Ideologie“ sieht, twitterte: „Ihr sucht noch Dummfaschos zum Blocken? Dann schaut mal unter #BildTV! Da feiern die Schwurbler Verblödungsorgien“. „Crazy Troublerin“ schrieb: „Ich habe #BildTV heute erstmal auf dem Fernseher meiner Großeltern blockiert. Die brauchen die primitive Berichterstattung und Hetzkampagnen von #HaltDieFresseBild nicht auch noch auf dem TV ertragen müssen..“.

Aber es gibt auch Lob. „DerB“ twitterte: „Vergessen Sie den Zwangsgebührenfunk – setzen Sie #BildTV auf Programmplatz 1. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.“ Und der User „Richard Feuerbach“ schrieb: „Ich habe #BildTV auf einen Senderplatz vor Tagesschau und N-TV gesetzt. Die Diskussionsrunde, die ich heute Morgen sehe, ist eine Wohltat im Vergleich zu Maischberger, Lanz und Co. Wünsche dem neuen Sender viel Erfolg“.

Eher im mittleren Spektrum findet sich der Tweet von Christian Daudert: „Es ist außerdem anzumerken, dass bei ordnungsgemäßer Umsetzung des ÖRR Auftrags ein #BildTV keine Chance gehabt hätte. So nutzen sie die Marktlücke und Fremdscham gibt es nun von und für zwei Seiten.“

Ich selbst bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man Die verlorene Ehre der Katharina Blum las. Und selbstverständlich kannte ich auch Der Aufmacher: Der Mann, der bei Bild Hans Esser war. Für uns war die „Bild“ damals so etwas wie ein Hass-Objekt. Wir empfanden die Bild als ein ultrakonservatives, reaktionäres und politisch absolut einseitiges Blatt, welches wir nicht gelesen haben. Und einige haben damals durchaus brennende Zigaretten in Zeitungsständer der Bild geworfen.

Heute habe ich mir gedacht, ich schaue mir diesen neuen TV-Sender einmal an. Was mir sofort positiv aufgefallen ist: Man spricht korrektes Deutsch und verzichtet auf diskriminierende Gendersprache, auch wenn man – zum Glück nur selten – durchaus das Sätze sinnlos aufblähende und grammatikalisch völlig unsinnige „Zuschauerinnen und Zuschauer“ hört. Ansonsten hatte ich das – zugegeben subjektive – Gefühl, dass die Fragen an die Politiker durchaus hart, aber auch fair waren. Etwas, was man von Maischberger bis Anne Will vergeblich sucht. Ok, ausgenommen es geht um Andreas Scheuer, da fragt man durchaus einmal etwas härter nach.

Offensichtlich scheint der neue Fernsehsender etablierte Medien durchaus aufzuschrecken. RadioEins vom RBB titelte: „Neues Kampagnenwerkzeug? BILD mit TV-Sender gestartet“ und twitterte eine Zusammenfassung des Berichts: „‚Das Bild-Fernsehen ist durch und durch ein Kanal, der testosterongetrieben ist. Es ist laut und es geht ständig um Meinung‘, sagt radioeins-Medienmagazin-Moderator @daniel_bouhs zum Start von #BildTV. ‚Es wirkt bisweilen etwas dilettantisch.‘

Der Focus berichtet zum Start des Senders mit etwas weniger Schaum vor dem Mund: Nach dem Titel „Gleich am ersten Abend führt Bild TV die Öffentlich-Rechtlichen vor“ folgt der Anreißer: „Nicht alles läuft rund bei Bild TV. Doch mit seiner „Kanzler-Nacht“ führt der Sender das öffentlich-rechtliche Fernsehen vor und zeigt die Kanzlerkandidaten Armin Laschet und Olaf Scholz im Stresstest“.

T-Online bringt ein Interview mit dem Boss des Blogs „Bildblog“, Moritz Tschermak, welches den Titel trägt: „Gerüchte, Halbwahrheiten, Hetze:  ‚Bild‘ im Fernsehen: ‚Das ist hochgefährlich'“. Tschermak betreibt seit 17 Jahren das „Bildblog„, welches sich selbst wie folgt definiert: „BILDblog ist ein unabhängiges, journalistisches Internetangebot, das sich seit Juni 2004 kritisch mit der deutschsprachigen Presselandschaft auseinandersetzt — zunächst nur mit “Bild”, “Bild am Sonntag” und Bild.de, seit Mai 2009 auch mit anderen Medien“.

Im Interview wird Tschermak gefragt, welche Gefühle er zum Start von Bild-TV habe. Er antwortete: „Diese große Vision eines TV-Projekts existiert ja schon länger. Aber jetzt, wo klar wird, dass die „Bild“ auch im Fernsehen stattfindet, blicken wir mit größerem Schrecken auf dieses Vorhaben. Denn wir zeigen seit 17 Jahren, dass bei „Bild“ eben manchmal nicht so genau recherchiert wird und gerne auch mal Sachen weggelassen werden. Im schlimmsten Fall werden sogar Lügen verbreitet.“

Dass bei so gut wie allen Medien „manchmal nicht so genau recherchiert wird und gerne auch mal Sachen weggelassen werden“ ist, seit es Medien gibt, eine Tatsache. Gut. früher nannte man derartige Fehler oder bewusste Falschinformationen „Zeitungsente“, heute sind es „Fakenews“. Das klingt so schön international. Der Unterschied ist, dass die meisten Zeitungsenten irgendwann heraus kamen und jeder sich dazu seine Gedanken machen konnte, während man heute Fakenews als etwas ganz Schlimmes ansieht, was man verbieten muss. Natürlich nur, wenn es von der politischen Richtung kommt, die man selbst ablehnt.

Ich halte ein Wahrheitsministerium, egal ob es von einer Regierung, einem Regime oder von Firmen oder Privatleuten betrieben wird, als weitaus gefährlicher als Zeitungsenten. Vielleicht liegt das daran, dass ich George Orwells 1984 als Warnung verstehe und nicht als Anleitung. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Medien in einer Demokratie Vielfalt zeigen müssen. Ich selbst möchte entscheiden, welche Medien ich konsumiere, was ich von dem, was Medien verbreiten als wahr oder falsch einschätze. Ich brauche dazu keine „Faktenchecker“ – und schon gar keine einseitigen! – und auch keine Verbote. Demokratie bedeutet, auch Meinungen zuzulassen, wenn sie nicht die eigene Meinung bestätigen. Wenn nur Meinungen zugelassen werden, die politisch einseitig korrekt sind, nennt man das Diktatur. Oder Religion.

Grundsätzlich begrüße ich es, wenn die Medienlandschaft etwas durcheinandergewirbelt wird. Das ist für mich ein Zeichen einer funktionierenden Demokratie und unterstützt meine Einstellung „Vielfalt ist besser als Einfalt“. Wie sich Bild-TV entwickeln wird, kann nur die Zukunft zeigen. Ob es nur ein weiterer Spartensender wird, den kaum jemand ansieht und der irgendwann eingestellt wird, oder ob sich das Format zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz zu den etablierten Fernsehsendern entwickelt, entscheiden nicht zuletzt die Zuschauer.

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  1. Leider stimmt es nicht ganz, dass bei Bild-TV auf diesen Gendermüll verzichtet wird. Eine der Moderatoren faselt die ganze Zeit von „Wählerinnen und Wählern“. Ich habe auf einen anderen Sender umgeschaltet.

  2. Ich sehe in den etablierten Medien keine Konkurrenz zu Bild-TV. Dazu haben die viel zu lange einen auf Regierungssprecher gemacht. Die einzige Konkurrenz, die immer sofort live berichtet, ist RT Deutsch. Egal wo eine Demo stattfindet, die Kameras von RT Deutsch sind schon da. Dieser Fakt fehlt mir in diesem sonst schön ausgewogenen Bericht.

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