Genau. Also quasi genau.

Voraussichtliche Lesedauer des Artikels: 3 Minuten
Zwei Frauen unterhalten sich

Vor einiger Zeit hatte ich ein Erlebnis, welches ich seither nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Eine junge Frau, wahrscheinlich ist ihr Name Lena-Marie oder so ähnlich, stellte sich vor: „Also ich bin die Lena-Marie… Genau… Ich studiere Genderwissenschaften… Genau… Also quasi warum das mit dem Gender tatsächlich so wichtig ist… Genau… Ich wohne in Berlin… Genau… Also quasi in der Hautstadt… Genau…“

Seither bin ich auf dieses „genau“, dieses „quasi“ oder dieses „tatsächlich“ getriggert. Es fällt immer mehr auf, und jedes Mal wenn ich eines dieser Worte höre, achte ich kaum mehr auf das, was die Person wirklich sagen wollte. Und ich frage mich, warum dieses „genau“ benutzt wird. Normalerweise bestätigt man mit diesem Wort jemand anderen, dessen Meinung man teilt, dessen Meinung man als richtig empfindet. Warum aber muss man das, was man selbst sagt, bestätigen? Die Bestätigung ist ja bereits die Tatsache, dass man etwas meint oder sagt!

Heruntergebrochen sind diese Wörter nichts weiter als Füllwörter, wenngleich in einem anderen Kontext. Denn „genau“ ist ja eigentlich kein Füllwort. Füllwörter gab es schon immer, die hat ja nicht die sogenannte „Generation Z“ erfunden. Sie werden meist dann benutzt, wenn man schneller spricht als man denkt. Das „Ähhh“ ist so ein typisches Füllwort.

Heiner Hug, Gründer des Schweizer Magazins Journal21, beschreibt ein interessantes Experiment, welches ein Lehrer mit seinem Schülern durchgeführt hat. Er versammelte junge Menschen an einem Tisch und ließ sie einfach darauf los reden. Ohne festes Thema, jeder konnte sagen, was ihm in den Sinn kam. Diese Gespräche zeichnete er auf. Anschließend transkribierte er mit seinen Schülern die Gespräche Wort für Wort. Nun markierte er alle Füllwörter, also Worte, die unnötig für das Verständnis der Sätze waren. Er kam auf eine erstaunliche Zahl: 27 Prozent aller Worte waren ohne Aussagewert.

Nun gibt es unterschiedliche Arten von Füllwörtern. Solche die als Platzhalter dienen bis man mit dem Denken nachgekommen ist, wie „ähh“ oder das neumodische „genau“. Davon unterscheiden sich Füllwörter wie „quasi“, „Irgendwie“ oder „sozusagen“. Diese Worte verändern durchaus die Aussage. Es ist ein Unterschied, ob jemand sagt „Das ist ein Quadrat“, oder „Das ist quasi ein Quadrat“. Im ersten Fall wird eine fest definierte Sache beschrieben. Im zweiten Fall kann es auch ein Rechteck sein, welches nach der allgemeinen Definition kein absolutes Quadrat ist, sondern einem nur Quadrat ähnelt. Diese Worte benutzt man dann, wenn man Angst hat, sich festzulegen. In obigem Beispiel könnte eine Seite des Quadrats 90 cm lang sein und die andere 90,3 cm. Es ist dann kein Quadrat mehr, sieht aber so ähnlich aus.

Manche Füllwörter dienen auch der Bestätigung. Besonders in der Schweiz ist ein „oder?“ am Ende eines Satzes verbreitet. „Das ist doch eine schöne Blume, oder?“ ist dafür ein Beispiel.

Sprachpuristen fordern, auf Füllwörter zu verzichten. Eben weil sie keine zusätzlichen neuen Informationen liefern. Andere finden, dass unsere Sprache ärmer wäre, wenn man sie ausschließlich auf eine genaue Aussage reduzieren würde. So zitiert Sandro Benini in seinem Text „Ein Hoch auf die Füllwörter!“ den Sprachwissenschaftler Dr. Daniel Gutzmann, der die These vertritt, dass die Bezeichnung „Füllwort“ „unwissenschaftlich“ sei. „Das suggeriert, dass es sich um überflüssige Wörter handelt, die man besser vermeiden sollte“. Aber gerade in der gesprochenen Sprache seien diese Wörter „ausgesprochen nützlich“.

Gleichzeitig gesteht Gutzmann, dass eine übertriebene Verwendung von Füllwörtern durchaus eine Geduldsprobe für die Zuhörer sein könne. Wörtlich sagte er: „Es gibt diesen Moment, in dem man sich der sprachlichen Marotte eines Gesprächspartners bewusst wird. Dann verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom Inhalt auf das Ich denke am Anfang jedes zweiten Satzes. Oder auf die wuchernden irgendwie und sozusagen und dadurch fallen sie einem erst recht auf“. 

Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo in der Mitte. Gutzmann hat Recht, wenn er sagt: „Man soll in einzelne Wörter nicht zu viel hinein interpretieren.“, aber genau so darf einen dieses ständige „quasi“, „genau“, „tatsächlich“ oder „irgendwie“ nerven.

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