München macht sich Stress wegen Julia

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In München steht am Marienplatz beim Alten Rathaus eine 2,65 Meter hohe Statue, genannt „die bezaubernde Julia“. Das Kunstwerk ist eine Replik einer Statue, die in der Münchner Partnerstadt Verona steht und der Stadt München Anfang der 70er Jahre geschenkt wurde.

Das Original stammt von Nereo Costantini und erinnert in der Casa di Giulietta an das Liebesunglück des wohl berühmtesten Paares der Theatergeschichte, William Shakespeares Romeo und Julia. So weit, so gut. Nun hat sich in Verona der Brauch eingebürgert, die Brüste der Statue zu berühren, weil man glaubte, dadurch Glück in der Liebe zu bekommen. In München war man anfangs sittsamer, man legte der Statue Blumen in den Arm. Was natürlich den Blumenverkäufern vom Viktualienmarkt in der Nähe gefiel, kurbelte es doch ihr Geschäft an. Allerdings dauerte es nicht lange, bis man auch in München den Brauch aus Verona übernahm und die Brüste der Statue berührte.

Die Münchner Abendzeitung berichtete bereits am 5. Juni 2018 von einer Aktion während der „Metoo“-Debatte. Die Werbefilmregie-Studentin Lea Thurner, die damals bei der Münchner Agentur „Freie Radikale“ als Textpraktikantin arbeitete, war der Meinung, auch Statuen könnten sexuell belästigt werden. Deshalb verschandelte sie die Statue, in dem sie ein #MeToo-Banner hinter Julia anbrachte. Das Banner wurde nach einem halben Tag entfernt.

Doch das Thema war danach noch nicht beendet. Die Stadträtin Marie Burneleit (Die PARTEI) brachte am 12. Mai 2021 folgenden Antrag an die Stadt München ein: „Neben der Julia-Kopie-Statue am Alten Rathaus fehlt ein wichtiges Teil! Aktuell können Münchner dort nur am Busen der Julia reiben, es fehlt für ein ausgeglichenes Geschlechterbild in der Genderhauptstadt natürlich direkt nebenan eine Statue mit dem männlichen Geschlecht zugeschriebenen Körperteilen. Mit bronzenem Penis oder Lendenschurz vielleicht, an dem sich Frauen zum Glück (in der Liebe) reiben können?“

Den Ball fing der parteilose Kulturreferent Anton Biebl gekonnt auf. Unter anderem antwortete er auf die Anfrage wie folgt (diskriminierende Genderschreibe wurde entfernt): „Ich verstehe Ihren Antrag als Kritik an der durch Besucher und Einwohner praktizierten Handlung, den Busen der benannten Statue zu berühren. Ihre Einschätzung ist völlig richtig. Diese Praxis hat das Kulturreferat in eine Reihe an diskussionswürdigen Erinnerungs- und Denkmalsformen der Stadt München gestellt, die in einem stadtweiten Prozess diskutiert und von künstlerischen Interventionen begleitet werden sollen. Das Kulturreferat plant, den aktuellen internationalen Diskurs um belastete Denkmäler mit einem gesamtstädtischen Konzept zum kritischen Umgang mit diskussionswürdigen Denkmälern aufzugreifen.“

Die Bild-Zeitung, die über das Thema berichtete, zitierte den SPD-Bundestagsabgeordneten Florian Post, der laut dem Boulevard-Blatt „fassungslos“ war: „Da geht’s manchen noch zu gut. Das sind nicht die Sorgen und Nöte der Menschen“. Und CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl meinte gegenüber der Zeitung: „Das ist vollkommen absurd, vollkommen überflüssig und vollkommen gaga.“

Was in Zukunft mit dieser „diskussionswürdigen Erinnerungs- und Denkmalsform der Stadt München“ geschieht, wird die Zukunft zeigen. Und wie lange das „belastete Denkmal“ noch in München stehen darf, entscheiden dann nach endlosen Diskussionen von den Münchnern gewählte Politiker. Aber vielleicht macht ja der „Münchner im Himmel„, Alois Hingerl, doch einmal einen Umweg vom Hofbräuhaus zum Münchner Stadtrat, um den Politikern ein paar göttliche Ratschläge zu überbringen, bevor er sich weiter zum bayerischen Landtag aufmacht.

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