Cancel Culture über alles, über alles in der Welt

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Letzte Änderung des Artikels am 2. März 2022 von Aranita

Dem Vorstand der BKK ProVita, Andreas Schöfbeck, wurde laut der Zeitung Welt im Anschluss an eine Sitzung des Verwaltungsrats fristlos gekündigt. Grund der Kündigung: Schöfbeck sagte zuvor, man habe es in Deutschland mit einer erheblichen „Untererfassung an Nebenwirkungen“ der Corona-Impfstoffe zu tun.

Der Münchner Stardirigent Valery Gergiev wurde vom Oberbürgermeister der Stadt, Dieter Reiter (SPD), gefeuert, weil er sich „nicht eindeutig und unmissverständlich von dem brutalen Angriffskrieg Putins“ distanziert hatte. Darüber berichtete das Magazin Telepolis des Heise Verlages.

Anna Netrebko, eine der berühmtesten Sängerin der Welt, sagt zwar von sich, sie sei „keine politische Person“, das rettet sie aber nicht vor Auftrittsabsagen. So hat unter anderem die Bayerische Staatsoper die Zusammenarbeit mit ihr aufgekündigt, in der Mailänder Scala darf sie ab dem 9. März nicht in „Adriana Lecouvreur“ auftreten. Auch am Opernhaus Zürich wurde ihr Vertrag aufgehoben, ebenso hat man ihren Auftritt in der Elbphilharmonie, wo die teuerste Karte laut Süddeutscher Zeitung immerhin 440,35 Euro gekostet hätte, abgesagt. 

Der Spieleentwickler Sergey „SerB“ Burkatovskiyky, der hinter Simulationen wie World of Tanks und World of Warships der Firma Wargaming aus Weißrussland steckt, wurde gefeuert, weil er auf Facebook schrieb: „Ich unterstütze die Operationen der bewaffneten Streitkräfte der Russischen Föderation, der Volksrepubliken Donezk (LPR) und Luhansk (LPR). Der Rest sind Nuancen.“ Das schrieb unter anderem das Spielemagazin MeinMMO.

Eine Polizeiärztin aus Baden-Württemberg hatte in einem Anzeigenblatt einen Text veröffentlicht, in dem sie sich gegen das „Dritte Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ aussprach. Dort hatte sie unter anderem geschrieben „Infektionsschutzgesetz = Ermächtigungsgesetz“, sowie „Wir, die Bürger von Deutschland, sollen alle unsere Rechte verlieren. Wir müssen Widerstand leisten.“ Daraufhin wurde ihr fristlos gekündigt. Das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg (LAG) urteilte, dass die Kündigung rechtens ist.

Ein Wirt aus Bietigheim (Kreis Rastatt) schrieb auf Facebook (der Beitrag ist mittlerweile wegen eines Shitstorms gelöscht worden), dass Besucher mit russischem Pass in seinem Restaurant unerwünscht seien. Das berichtete unter anderem der SWR.

Die Bäckereikette Armbruster hatte ihre Filialen angewiesen, dass der Russische Zupfkuchen ab sofort nur noch „Zupfkuchen“ heißen darf und die Russische Zupfschnitte nur noch „Zupfschnitte“. Nach einem massiven Shitstorm auf Facebook ruderte die Kette zurück. In diskriminierender Genderschreibe wies man darauf hin, dass man die Änderung „auf Vorschlag einiger Kund*innen“ vorgenommen hätte und dass man sich „falsch verhalten“ habe und die Anweisung zurücknehmen würde.

Nachdem der Discounter Netto den Anfang gemacht hatte, verbannen nun auch Aldi, Edeka und Rewe sowie Penny russische Produkte aus ihren Filialen. Angeblich wolle der Rewe-Konzern die Artikel, die noch in den Läden oder Lagern sind, nicht vernichten, sondern an Organisationen wie die Tafel weitergeben. Arme Menschen können sich offensichtlich keine Moral leisten.

Der Kabarettist Serdar Somuncu hat zwar noch seinen Job, auf Facebook bekam er aber einen sogenannten „Shadowban“ verpasst. Das heißt, seine Reichweite wurde vom Internet-Konzern massiv eingeschränkt. Und warum? Weil er sich kritisch gegen Karl Lauterbach geäußert hatte und diesen als „Ungesundheitsminister“ bezeichnet hatte (ich habe darüber berichtet).

Heute werden keine Bücher mehr verbrannt, man löscht und verbietet einfach wieder „Feindsender“. So wurde RT aus Facebook und Youtube gelöscht, Ursula von der Leyen (CDU), Präsidentin der EU, fordert ein vollständiges Verbot für RT und Sputnik in der Europäischen Union. Denn wo kämen wir hin, wenn sich die Menschen selbst eine Meinung bilden würden. Die Partei hat ja immer Recht, da brauchen die Menschen keine Wahlmöglichkeiten. Das Schlimme dabei ist, dass viele Menschen diese Bücherverbrennung des 21. Jahrhunderts auch noch bejubeln.

Das sind nur ein paar Beispiele für Cancel Culture, Sippenhaft und moralischer Überheblichkeit, wie wir sie heute finden. „Bist du nicht für mich, bist du gegen mich“ hat in diesem Lande wieder einmal Hochkonjunktur. Verständnis oder nur Akzeptanz für Menschen, die aus welchen Gründen auch immer etwas anders sehen als man selbst, ist heute wieder einmal verpönt. Verständnis zeigen für andere, noch vor ein paar Jahren ein hoher sozialer Wert, wird negativ konnotiert, Beispiel „Putin-Versteher“.

Damit man mir nicht wieder irgend etwas unterstellt: Ich verurteile Kriege. Ob es der Angriffskrieg unter Rot-Grün auf den Kosovo war, der ohne UN-Mandat von der NATO durchgeführt wurde oder ob es der Angriffskrieg Putins ist. Menschen aber in Sippenhaft zu nehmen, sie für ihre Meinung zu bestrafen, ist einer freiheitlichen Demokratie unwürdig. Ich halte es da eher mit der britischen Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall, die sagte: „Ich bin nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich würde bis zum Äußersten dafür kämpfen, dass sie es sagen dürfen.“



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