Über die krankhafte Überschätzung von Worten

Wolf Biermann bei einem Konzert (Bild: BStU)

Wolf Biermann bei einem Konzert (Bild: BStU)

Wolf Biermann, der mich in meiner Jugend sehr geprägt hatte, hat zu seinem 80. Geburtstag seine Autobiographie veröffentlicht: Der Titel lautet: „Warte nicht auf bessre Zeiten!“. Ich will nicht konkreter auf das Buch eingehen, das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, aber ich empfehle es jedem, der politisch interessiert ist. Denn was Biermann unter anderem beschreibt, muss man in Teilen  tragischerweise heute wieder erleben. Auch wenn es manchem, der die DDR erlebt hat, so vorkommt als seien wir heute fast in einer DDR 2.0 – ganz so schlimm ist es noch nicht. Allerdings haben wir mittlerweile Perversitäten übernommen, die jeden freiheitliebenden Menschen erschrecken müssen.

Eine dieser Perversitäten ist die krankhafte Überschätzung von Worten. Es ist diese Sprachpolizei, die im Namen der politischen Korrektheit agiert und zensiert. Kritik wird sofort mit irgend einem *phob oder *ismus denunziert oder mit dem absoluten Totschlagargument, dem „Rechtspopulismus“. Nach dem sich die Beschimpfung „Nazi“ mehr oder weniger totgelaufen hat, nach dem man jeden Andersdenkenden als „Nazi“ beschimpft hat und damit die Opfer der echten Nazis auf das übelste verhöhnt hat, ist jeder Kritiker momentan „Rechtspopulist“.

Dabei versucht man nur eines zu erreichen: Jede Kritik, ja jeder Gedanke der nur etwas abseits der Mainstreammeinung befindet, muss von vorneherein abgebügelt werden. Man hat Angst vor Kritik, die womöglich trifft, weil sie zutrifft. Sich ja nicht auseinanderzusetzen mit anderen Meinungen, das ist das Ziel dieser Sprachfaschisten.

Beispiele gibt es genug, ich greife nur ein paar heraus. Als Günther Oettinger in einem Nebensatz von „Schlitzaugen“ sprach, gab es eine unbeschreibliche Eskalation. Dass sich Oettinger kurz nach der Übernahme des Amts als „EU-Digitalkommissar“ für eine deutliche Verlängerung der Kündigungsfristen bei DSL-Anschlüssen einsetzte und laut Manager Magazin damit den Lobbyeinflüssen großer Konzerne nachgegeben hat, wen störts. Auch dass er im November 2016 im Privatflugzeug des Lobbyisten Klaus Mangold nach Ungarn zu einem Treffen mit Viktor Orban geflogen war, wohl ohne für den Flug bezahlt zu haben, kein Problem. Wenn er aber „Schlitzauge“ sagt, dann tobt das Gutmenschentum.

Oder die Sache mit den „Nafris“. Anstatt sachlich mit dem Thema umzugehen  und die Aussage hinter dem Tweet der Polizei zu diskutieren, hängt man sich an dem Wort „Nafri“ auf, natürlich nicht ohne die „Rassismus“-Keule auszupacken. Ein anderes Beispiel von vor zwei Jahren zeigt die Dummheit der Sprachfaschisten. Der Autor und Comedian Marius Jung veröffentlichte sein Buch “Singen können die alle – Handbuch für Negerfreunde”. Der “Student_innen Rat der Universität Leipzig – Referat für Gleichstellung und Lebensweisepolitik” (so nennen die sich wirklich!) stellte Jung postwendend an ihren selbst erstellten Pranger (ich habe darüber berichtet).

Dabei ist das Wort „Neger“ ja völlig wertfrei, Martin Luther King, dem man ja selbst beim besten Willen nicht unterstellen kann, dass er Rassismus betrieben hat, sprach immer von „Negro“, wenn er über seine Rasse sprach. Das Wort wurde erst durch Sprachfaschismus zu einem „bösen“ Wort. Natürlich gab es Idioten, die „Neger“ auch als Schimpfwort benutzten. Dafür kann das Wort aber nichts. Es geht aber auch anders. Ein Wort, welches ursprünglich sogar überwiegend negativ gemeint war, ist das Wort „schwul“. Doch die schwule Gemeinschaft kreischte nicht „homophob“ und „verbieten“, sondern sie verwendete das Wort „schwul“ selbst als Beschreibung ihrer Sexualität. Damit nahm sie gekonnt den Hetzern den Wind aus den Segeln. Dies war und ist der beste Weg, gegen Beleidigungen vorzugehen; nicht Worte zu verbieten. Wer beleidigt, macht das mit seiner Geisteshaltung und diese ändert man nicht durch das Verbot von Worten, sondern man hat nur eine Chance durch Aufklärung und Diskussion.

Zurück zu Wolf Biermann. Lange Zeit war für ihn die DDR der „bessere deutsche Staat“. Kurz vor dem Ende der DDR musste er allerdings erkennen, dass die Idee des Sozialismus, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Menschen, gerade in der DDR konterkariert wurde. So kam er zu der Erkenntnis: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“. Was er meinte: Wenn sich die Umstände ändern, muss man auch die Größe haben, seine Meinung zu ändern. Dies passiert aber nicht damit, dass man zur Sprachpolizei wird, sondern dadurch, dass man selbst denkt. Und das kann nur funktionieren, wenn man Andersdenkende als Bereicherung und nicht als Gefahr sieht und sich nicht an Worten hochzieht, wie es in der DDR der Fall war und heute bei uns der Fall ist.



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3 replies

  1. Die Wortwahl verrät auch viel über die eigene Identität.

    „Ich esse ein Fleischpflanzerl.“
    „Ich esse ein Hackfleischkiechla.“
    „Ich esse eine Frikadelle.“

    In allen 3 Fällen ist die Aussage synonym, aber man verrät durch die Wortwahl mehr als nur die Essgewohnheit. Je nachdem welches Wort man wählt, wird man von seinen Mitmenschen als Bayer, Franke oder Preiß wahrgenommen. Und in den meisten Fällen nutzt man auch den Begriff der Gruppe, zu der man sich zugehörig fühlt – bewusst oder unbewusst.

    Ebenso verhält es sich mit den Wörtern „Neger“, „Rasse“ und „Zigeuner“.

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  2. Rasse ist wissenschaftlich betrachtet ein
    antiquierter Begriff. Die Zoologie definiert
    uns Menschen als Art und teilt sie ein in Unterarten.
    Charakteristisch ist dabei die Paarungsfähigkeit.
    Heute ist es daher in der Regel obsolet,
    explizit von verschiedenen Rassen zu sprechen.
    Neger ist zwar ein Begriff, der gemeinhin
    in zahlreichen Kontexten verwendet wird,
    sollte aber wegen der negativen Konnotation
    tunlichst vermieden werden. Dies ist zu empfehlen
    schon alleine deshalb, weil es Begriffe gibt, welche
    charmanter klingen. Darüber nachzudenken wäre
    hier angebracht. Denn nicht alles, was Sie als
    einen neutralen und wertfreien Begriff
    identifiziert zu haben glauben, ist das auch.
    So sehr Sie in Ihrem Blog vom Prinzip her richtig
    sich gegen Gender- und Neusprechwahn
    engagieren.

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    • Ich bestreite, dass der Begriff „Rasse“ wissenschaftlich betrachtet antiquiert ist. Er ist ideologisch betrachtet antiquiert. Rasse wird bei Tieren und Menschen unterschiedlich benutzt. Das war auch zu Zeiten so, wo man sogenannte „Mischehen“ als böse ansah. Denn möglich war die Paarung trotzdem und zum Glück ist man heute so weit, dass dies kein Problem mehr ist. Das Problem an der Sache war aber nie wissenschaftlich, sondern immer ideologisch. Bei Tieren stimme ich zu, dort geht es um die Paarungsfähigkeit. Beim Menschen ist das nicht so, aber warum soll deshalb der Begriff falsch sein? Der Duden empfiehlt, statt Rasse „Menschen anderer Hautfarbe“ zu verwenden. Warum soll man für etwas, was das gleiche meint, irgendwelche Kunstbegriffe benutzen?

      Was die „negative Konnotation“ betrifft, so ist es unter anderem dieses Thema, was ich im Artikel versucht habe auszuführen. Negative Konnotation spielt sich ausschließlich im Kopf, meist von Ideologen, ab. Zum Beispiel das Wort Ficken. Das Wort ist „böse“, wird im Fernsehen meist ausgepiepst und man sagt statt dessen „poppen“. Man meint aber genau die selbe Tätigkeit. Warum also ein anderes Wort für die selbe Tätigkeit erfinden und benutzen, nur weil irgendwer meint das Ursprungswort sei böse?

      Es mag durchaus Worte geben, die charmanter sind als andere. So ist Sprache nun mal :-) Das ist für mich aber kein Grund, Worte zu verbieten.

      Wohin diese krankhafte Überschätzung von Worten führt, sieht man ja am Beispiel „Flüchtling“. Irgendwer erfindet, dass die Endung „ling“ eine negative Konnotation habe, übersieht dabei völlig Liebling, Häuptling, Frühling, Zwilling, Lehrling, Sperling, Schmetterling, Erdling, Täufling, Schützling und was es noch alles gibt.

      Ach ja, ich würde nicht über „richtig“ oder „falsch“ werten, sondern ich gebe einfach meine Meinung zum Besten. Und gestehe jedem zu, eine andere zu haben. Und wenn man es nicht schafft, sich auf einer von beiden Seiten als richtig empfundenen gleichen Meinung zu treffen, so sind halt manche Menschen unterschiedlicher Meinung. Das bereichert doch und ist nichts Schlimmes.

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